Frühlingsgefühle beim Huhn

Alle Jahre wieder – Sing-Sing ist bereits mit der zweiten Insassin belegt:

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I stuck in Folsom Prison…

Zuerst war Smokey für den Vertikutierdienst eingeteilt, weil sie serienmäßig sämtliche Eier annektierte und dabei noch nicht mal vor Eiern außerhalb ihres Nestes halt machte.
Wenn tatsächlich mal ein Huhn so schlau war, sich in das zweite Nest zu setzen, hat Smokey das arme, vernachlässigte Ei zu sich rübergekullert. Da ich als Nester solche Ölauffangwannen aus Kunststoff nehme, mit handbreit hohem Rand, hatten die so umgesiedelten Eier alle eine Macke, weil man mit dem Schnabel zwar hochrollen, aber nicht auffangen kann.
Hat einen Moment (bzw. 3 Eier) lang gedauert, bis ich dahinterkam, warum wir plötzlich gededschte Eier haben.
Kaum hatte ich für Smokey Sing-Sing reaktiviert, meldete Babettchen Interesse am Mutterschaftsurlaub an.

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Wenn die Temperaturen frühlingshaft sind (kann also auch in einem milden Herbst passieren und romantische Gemüter meinen dann, das Huhn „weiß“, daß es mild bleibt. Nein, weiß es nicht. Genausowenig, wie eine Pflanze, die dadurch irritiert wird und zur falschen Zeit blüht) und im Nest so um die 6 Eier liegen, kann Frau Huhn Lust auf Nachwuchs bekommen.
Sie setzt sich dann auf die Eier, und wenn man sie nervt, macht sie „gluckgluckgluck“. Deswegen sagt man, die Henne gluckt.
Wenn sie gluckt, legt sie keine Eier mehr (ihrer Meinung nach sind ja genug da, menschliche Frühstücksideen sind in ihren Berechnungen nicht vorgesehen), und deshalb hat der hungrige Mensch mit der Zeit angefangen, Hühnerrassen mit wenig oder keinem Bruttrieb zu züchten. Unsere klassischen weißen oder braunen Hochleistungslegehühnchen z.B. haben keinen Bruttrieb mehr.
Als höchst idealistischer und naturverbundener Neuhühnerhalter will man solche „Fälschungen“ natürlich nicht haben und sucht „richtige“ Hühner, wo alles noch läuft, wie es die Natur vorgesehen hat.
Und hat dann ein Jahr später eine Horde abwechselnd stimmungsschwankender Hennen, keine Eier und einen deutlichen Erkenntnisgewinn, was den Sinn von Legehennen angeht 😉 .
In meiner Truppe sind die Cochins am „schlimmsten“, was die Brutwilligkeit angeht (kleine Hühnervokabellehre: wer gluckt, WILL brüten, dann entscheidet Mensch, ob Huhn brüten darf; ab dann heißt Mama Huhn offiziell Glucke, oder ob die Dame wieder dem Legedienst zugeteilt werden soll, dann wird „entgluckt“, und deshalb sitzt Babettchen im Knast), wobei der Wille zwar da ist, es fehlt allerdings bißchen die Kompetenz.
Wölkchen z.B. hat dann eine jährlich wechselnde Lieblingsecke, die sie hingebungsvoll bebrütet – ob ein Ei drunter liegt oder nicht, ist nebensächlich.
Betty scheitert an der 5-Eier-Regel, weil sie ihr Ei nur da hinlegt, wo noch keins liegt. Ist gegen jede Hühnerlogik, anscheinend ist sie Anhängerin der 1-Kind-Familie.
Smokey hat als einziges einigermaßen Ahnung von der Sache, da haben wir es ja letztes Jahr mal mit Naturbrut versucht (endete mit dem Rühreivorfall). Smokey ist außerdem eine sehr bedienungsfreundliche Glucke, man kann sie rausnehmen oder nach den Eiern greifen, ohne daß man Leib und Leben riskiert. Manche Damen können da SEHR ungemütlich werden.
Babettchen gehört anscheinend auch zur letzten Sorte.
Bevor ich merkte, was sie vorhat, hat sie schon bei den kleineren Hühnern für Angst und Schrecken gesorgt, wodurch ein Ei zu Bruch ging (bei Smokey kann man sich einfach dazuklemmen).
Als ich sie umsetzen wollte, verwandelte sie sich in so ein comicmäßiges Rad mit rotierenden Krallenfüßen, hat mir paar ordentliche Striemen am Arm verpaßt und schimpfte, was das Zeug hielt.
OK, daß ich sie wegen dem zermatschten Ei kurz in die Regentonne halten wolle zwecks Unterbodenwäsche war halt auch mißverständlich – sie war definitiv gegen diese Aktion.

Babettchen (Marans)

Babettchen (Marans)

Es soll unfreundliche Zeitgenossen geben, die eine Henne zum Entglucken in kaltes Wasser stecken oder sonstwelche unfreundliche Sachen machen (das bekloppteste, was ich gelesen habe, war ein Mann, der die potentielle Glucke zu den Junghähnen gesperrt hatte und das auch noch lustig fand). In Zeiten, wo die Damenwelt erwartet, daß Mann auf ihre PMS-Zickereien Rücksicht nimmt, finde ich das unpassend. Das Huhn kann ja auch nichts für seine Hormone.
Um erfolgreich zu brüten, möchte Mama Huhn Ruhe, Dunkelheit und der Rest ist quasi ein Selbstläufer, der Bauch ist warm und dadurch bleibt sie im Brutmodus, bis unter ihr was piepst.
Folglich ist meine Strategie zum Entglucken: so viel Familienanschluß wie möglich, jede Menge Tageslicht und übernachtet wird auf so einer umgedrehten Eurogitterbox, damit der Bauch gut gelüftet bleibt.
Wenn zwei gleichzeitig glucken, ist das manchmal sogar günstig, die knurren sich dann im Knast gegenseitig an und nerven sich so, daß der Traum vom heilen Familienleben empfindlich gestört wird.
Die ersten Tage lag Smokey einfach als Flunder in der Ecke und stand nur ab und zu zum Essen auf. Wenn sie dann öfters am Tag steht und frißt (eine brütende Glucke frißt meistens nur einmal am Tag, ansonsten sitzt sie auf den Eiern) und nicht mehr gluckt, wenn ich sie hochhebe, darf sie auf Bewährung wieder bei den Kolleginnen schlafen.
Finde ich sie abends im Legenest, geht es zurück zum Vertikutierdienst, zuletzt saß sie ordentlich im Regal, deshalb hatte Babette die letzten zwei Tage Einzelhaft.
Vorhin hat sie mich zwar wieder mit ihrem spektakulären Adlerschrei bedroht, aber nicht mehr gegluckt (sie macht das ganz toll – als ich sie abends in den Gluckenstall gesperrt hatte, ertönte es noch eine ganze Weile tief und drohend: „gluck —- gluck—- gluck—„), deshalb ist sie jetzt auch auf Bewährung draußen.
Mal sehen, ob sie morgen wieder das Legenest annektiert hat.
Wenn Frau Huhn entgluckt ist, dauert es aber noch einen Moment, bis sie sich umgestellt hat und wieder legt. Deshalb habe ich hier bei schönstem Frühlingswetter manchmal kaum Eier, weil die einen noch glucken, die anderen noch nicht wieder legen und die nächsten einfach mal keine Lust haben. Die Kundschaft kann das kaum glauben – sind doch schließlich jede Menge Hühner da!
Wenn ihr also demnächst wo freilaufende Eier kaufen wollt und es sind keine da, wißt ihr zumindest, warum.

10 Kommentare zu “Frühlingsgefühle beim Huhn

  1. Du schreibst einfach soooo herrlich liebe Spottdrossel. Und ich hab nebenbei noch was gelernt. Und mir ist aufgefallen, dass wir zwar viele Nachbarn haben aber keinen der Eier verkauft… dafür gibts bei uns SPARGEL 🙂

  2. unser aller Drosselchen schreibt zwar schön, anschaulich und was auch immer, aber sie beschreibt widernatürliche Handlungen
    Drosselchen (Berta), schäm Dich wenigstens ein bisschen

    liebe Grüsse
    Hajo

  3. Nein was war das schön zu lesen!
    Gluck-Gluck-Gluck …. nun bin ich voll aufgeklärt!
    Danke für diesen tollen Post…

    Zauberhafte Grüße und ein Gluck-Gluck … Hurra

    Katja

  4. Ich hatte anlässlich unserem Housesitting in Schweden letzten Sommer auch mal kurzen Einblick in die Hormonwelt der Hühner. Aber dass es sooo kompliziert ist…
    Toll geschrieben, ein wahrer Genuss zum lesen.

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