Missverständnis

Flederli macht Multi-Tasking: die Sendepausen zwischen den einzelnen Redeabschnitten an die Außenwelt nutzt er seit neuestem, um an der Fensterdichtung rumzunagen.

„Hey!“beschwere ich mich.

„Ey?“ kommt es freundlich zurück.

Das Thema „schimpfen“ müssen wir noch üben – allerdings beiderseits, als er Sherlocks militärisch-zackiges „e – eh!“ nachmachen wollte (übersetze ich mit „wird´s bald!!!“) klang das auch eher drollig als beeindruckend.

Sherlock wurde auch nebenbei umgetauft – nach 2 abendlichen Stänkeranfällen gegenüber dem armen Flederli und damit verbundener angeordneter Nachtruhe schon um 19 Uhr, fragte ich Flederli heute morgen, wo denn „der grüne Grantler“ sitzt.

Sherlock hält das anscheinend für einen Adelstitel.

Geständiger Attentäter

Ich sitze am Küchentisch und esse „Tütenfraß“ – Curryreispfanne, mein Favorit, wenn´s mal schnell gehen soll. Auf seinem Häuschen gegenüber wird es Sherlock zu langweilig, jeden meiner Bissen mitzuzählen, und er startet seine beliebte Akrobatiknummer „ich stehe auf einem Bein, angele mit dem anderen Fuß nach der Schwanzfeder und wundere mich, wenn ich das Gleichgewicht verliere“.

Reis ist keine gute Wahl, wenn man mit vollem Mund lachen muß – ich inhaliere ein Reiskorn und werde es nicht mehr los.

„Vogel, Du bist schuld an meinem Ableben!“, röchle ich mühsam.

„Ja“, piepst er wohlgelaunt.

Ein Sittich und sein Projekt

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Wenn man nur lange genug nagt…

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…muß da doch irgendwo ein Kern drin sein?

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Was man im Bild nicht sieht: zwischendurch rupft er so energisch, daß Vogel, Sellerie und Teller wackeln.

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Sherlock hält die Spiegelreflex für ein böses Vogelfanggerät, deshalb mußte ich aus Entfernung und ohne Blitz knipsen. Normal ist der Geier nicht so grisselig.

Mit Kirschbaum wäre das nicht passiert

Sittiche sind gefiederte Nagetiere. Weil der Schnabel ständig nachwächst, brauchen sie was zum knabbern, damit sich die Spitze abnutzt. Letztens servierte ich Kirschbaumzweige, mit denen Sherlock seine Schwierigkeiten hatte, weil die sich unter seinen zarten 80 Gramm erheblich bogen, vor allem an den Zweigspitzen, wo die leckersten Knospen sind. Besonders ärgerlich aus seiner Sicht: der federleichte Lillyvogel balancierte elegant bis zu den äußersten Enden, die ihn regelmäßig abgeworfen hatten.

Heute wollten wir es ihm leichter machen, der umgekippte Apfelbaum spendierte einen schönen Ast. Schon während der herzallerliebste Schatz das Ding nach allen Regeln des Sittich-Fengh-Shui positionierte, sauste Sherlock aufgeregt durch die Küche und konnte es kaum abwarten, bis das Personal endlich aus dem Käfig verschwunden war.

Lilly ahnte schon, daß ihr Kollege mal wieder moralisch überfordert war, und parkte sich vorsichtshalber beim herzallerliebsten Schatz auf dem Kopf – der sicherste Platz in der ganzen Küche, falls Sherlock einen Ausraster bekommt. So schlimm wurde es aber nicht (das wird sich ändern, wenn wieder Blätter und Blüten im Lieferumfang enthalten sind), Sherlock turnte kreuz und quer über die Zweige, um als erstes sämtliche Premiumknospen zu erwischen. Danach durfte Lilly weitgehend ungestraft mitknipsen.

Auf Apfelbaumzweige ist auch kein Verlaß mehr – er kraxelte zu einer Zweigspitze, der Zweig neigte sich nach unten und Sherlock sprang vorsichtshalber ab. Aber Herr Vögelchen hat einen Plan B: Futternapf entern, sich lang strecken und mit dem Schnabel den Zweig mit der verlockenden Knospe zu sich ran ziehen.

Während wir noch feststellten, was wir doch für einen pfiffigen Vogel haben, baumelte dieser plötzlich, an der Schnabelspitze hängend, mit wenig pfiffigem Gesichtsausdruck am soeben geangelten Ast und plumpste runter. Sein Denkfehler: so ein Apfelbaumzweig zieht auch zurück, wenn genug Spannung da ist.

Und so hob Herr Sittich unfreiwillig mit großen Augen und rudernden Füßchen ab, bis er samt seiner Knospe abstürzte (nicht sehr tief).

Besonders unfair: ich hatte am Freitag erste Pilatesstunde der Saison und eigentlich wegen üblem Bauchmuskelkater strengstes Lach- und Hustenverbot.

Outboxing

Da hatte ich letztens noch den Kopf geschüttelt, als mir das Thema „Outboxing“ begegnete (für Leser, die wie ich kein Smartphone haben: diese Dinger sind offensichtlich so aufregend, daß man es filmen muß, wenn man sein neues Spielzeug auspackt und andere Leute finden das dermaßen spannend, daß sie sich das Filmchen im Internet anschauen), jetzt haben wir es hier live:

Der herzallerliebste Schatz und ich sind letztens dem Homeshopping erlegen. Schuld war irgendwas nerviges im Fernsehen, beim Umschalten tauchten dann mega-mörder-beschichtete Pfannen auf und irgendwie wurde ein Beutegreiferreflex aktiviert. Zu meinem endgültigen Verderben war am anderen Ende der Leitung ein Herr aus Thüringen, und wenn mich jemand auf Ostdeutsch anquatscht, habe ich automatisch gute Laune – und in diesem Fall noch ein paar zusätzliche Töpfe.

Das war zwar nicht geplant, aber auch nicht so unvernünftig, wie es sich anhört – als meine erste Generation Antihaft-Töpfchen letztes Jahr wegen akuter Bröselitis ausgemustert wurde, gab es ein Billig-Topfset als Ersatz. Problem bei der Kombination Billig+Antihaft+Vögel: es kann sein, daß da vögelchenschädliche Dämpfe entstehen, wenn die Töpfe zu heiß werden. Und bei einem Holzherd ist die „heißer als die Norm“-Grenze regelmäßig überschritten. Ich vermute zwar, daß diese Warnhinweise für die erste Generation Beschichtungen gilt und inzwischen nur noch vorsichtshalber draufsteht, aber man will auch nicht schuld sein, wenn der Geier von der Stange kippt. Folglich war es für uns sehr beruhigend zu lesen, daß die Beschichtung Temperaturen jenseits der 300 Grad verkraftet.

Heute saß Herr Sittich wohlgelaunt auf seinem Aussichtsast und beobachtete fasziniert, wie ich mit Folien raschelte, Töpfe ausbuddelte und diverse Griffe und Stiele anschraubte. Bei nachlassender Arbeitsgeschwindigkeit wurde aufmunternd gequiekst. Und weil als Kettenreaktion auch noch diverse Schrankfächer neu geordnet und ausgemistet werden mußten, profitieren jetzt auch noch die Hühner, die übersehene und nicht mehr richtig verschlossene Erbsen, Reis und Nudelreste erben.

Aus Geflügelsicht hat sich die Anschaffung schonmal gelohnt – für mich kommt die Stunde der Wahrheit, wenn ich einen Fisch darin fluchfrei gewendet habe.

Frühlingsgefühle im Herbst

Im Hause Sittich herrscht Hormonverwirrung. Wir vermuten, daß die offizielle Bezeichnung für diesen Zustand „Vorbalz“ ist, man könnte aber auch schlicht sagen, das Machtgefüge hat sich verschoben.
Hatte sonst Sherlock als großmächtigstes aller Hähnchen das alleinige Bestimmungsrecht über Speisefolge, Sitz- und Schlafplätze und kam überhaupt -seiner Meinung nach- in der Rangfolge direkt nach dem lieben Herrgott, so sieht das jetzt völlig anders aus.
Statt Lilly wie sonst zu verscheuchen, flüchtet er verschreckt („Uaaaah – gelb!!!“) oder beobachtet sie ratlos aus der Ferne.
Hört man abends ein regelmäßiges, leises „ja“ aus der Küche, haben wir wieder den Fall „Mädchen im Essen“.
Lilly sitzt dann zufrieden in der Futterschüssel und zelebriert ihr Abendessen Atom für Atom, während Sherlock oben auf dem Schlafhäuschen hockt und vorsichtig über die Kante späht.
Und wie das mit dem Weibsvolk so ist, kaum gibt man ihnen den kleinen Finger die Kralle, nehmen sie die ganze Hand den ganzen Flügel.
Mit dem Essen fing es an, was wir noch ganz witzig fanden.
Inzwischen muß Lilly irgendwo in der Tageszeitung was zum Thema Gleichberechtigung gelesen haben, sie hat jetzt seinen Schlafplatz annektiert und verteidigt ihn mit aufgesperrtem Schnäbelchen.
Sherlock wurde auf die niederen Ränge verbannt und bemüht sich, angemessen kläglich auszusehen (klappt auch hervorragend, er tut uns schon fast leid).
Lilly blinzelt dafür unschuldig mit ihren Kulleraugen.
Als ich ihr heute morgen bescheinigte, sie wäre zwar noch kein richtiger Hausdrachen, „aber schon ein Drächelchen“, kam aus dem Käfig ein zustimmendes „ja“.
Jetzt sind wir gespannt, ob Sherlocks Gemütslage irgendwann von Panik zu Begeisterung umschwenkt.
Immerhin hat er seitdem nicht mehr mit seinem Fuß geflirtet, vielleicht kommt er noch drauf, daß man Mädels Geschenke bringen muß, um nicht bedroht zu werden.

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Der Unschuldssittich