Kleines, hilfloses Vögelchen

Nachdem Lilly regelmäßig die geschälten Sonnenblumenkerne aus meinem Müsli geklaut hatte, kamen wir auf die Idee, Sonnenblumenkerne als „harte Währung“ einzusetzen, wenn wir was von ihr wollten.
Hat ja auch geklappt, sie hat sich inzwischen von einem schüchternen Vogel in eine entzückende, gelbe Schmeißfliege verwandelt.
Jetzt waren ziemlich zeitgleich ihre Sonnenblumenkerne gammelig geworden (fehlt ja die Schutzhülle), und unsere übliche Sittichfuttermischung ohne Sonnenblumenkerne war nicht lieferbar, nur noch Großsittichfutter mit Sonnenblumenkernen.
Sherlock war begeistert und fegte wie ein grüner Staubsauger durch die Futterschale, Lilly drehte die Kerne leicht ratlos im Schnabel hin- und her und ließ sie dann wieder fallen: „Ich bin ein kleiner, schwacher Vogel und krieg das nicht auf!“
Zwischenzeitlich schaute sie uns so kläglich an, daß wir ihr tatsächlich die Kerne vorgeknackt hatten. Dann wurden sie huldvoll entgegengenommen.
Gestern gab es eine mittelschwere Krise: Sherlock hat Lilly gescheucht, Lilly hopste vor Schreck auf den Mülleimer (*so einen*), rutschte auf der glatten Fläche ab und ihr Füßchen klemmte in dem schmalen Spalt zwischen Mülleimer und Deckel.
Panisch flatternder Vogel, zu Hilfe eilender herzallerliebster Schatz, beflügelt von Horrorstorys, wo Vögelchen sich in ähnlichen Situationen das Füßchen abgerissen hatten, um wieder loszukommen.
Er drückte die Deckelkonstruktion runter, damit der Spalt größer wird.
Lilly, undankbar, wie Weiber sind, war froh, endlich einen Verantwortlichen für ihre mißliche Situation zu haben, und verbiß sich in seinem Finger.
Das machte die Sache nicht wirklich besser, wobei der herzallerliebste Schatz erstaunlich höflich blieb.
Ich griff dann den kleinen Flatterich von hinten, damit ihre Flügelchen fixiert sind und sie wieder Halt hat (ein Fuß eingeklemmt und mit dem anderen auf Glatteis ist ja wirklich eine gelungene Kombination), und prompt kam ich in den Genuß eines energisch zupackenden Schnabels.
Zum Glück an der Fingerkuppe vom rechten Zeigefinger, da kam sie dann doch nicht durch. Den herzallerliebsten Schatz hat sie so ungünstig erwischt, daß er sein erstes Sittichloch im Finger hat (bisher war ich ja immer das Opfer).
Lillymaus wurde befreit, war bißchen verschreckt, aber ansonsten unbeschädigt – und muß ab sofort ihre Kerne selber knacken oder sich an die kleinen Körnchen halten.
Über den möglichen Anpreßdruck ihres Schnäbelchens sind wir jetzt bestens informiert, die Ausrede zieht nicht mehr.

Abendgespräch bei Sittichs

Da es kein offizielles Sittich-Deutsch-Wörterbuch gibt, muß man sich manche Töne aus dem Kontext übersetzen.
Wenn ich ein besonderes Highlight aus dem Garten anschleppe, z.B. einen Apfelbaumast mit Blüten, macht Sherlock „drrrrrrt!“.
Wir übersetzen das mit „MEINS! Und WEHE, da geht jemand anderes dran!“
Der aktuelle drrrrrt-Anlaß sind schlicht Grashalme mit Samenständen dran (der Rasenmäher war kaputt, von daher ist das Zeug momentan im Garten überrepräsentiert).
Ursprünglich als Verlegenheits-Trostlösung angeschleppt, weil die Sittichkörnchen alle waren, wurden die Halme als absoluter Hit eingestuft.
Nur scheint Lilly von den puscheligen Ähren in der Nase gekitzelt zu werden, jedenfalls niest sie seitdem gotterbärmlich.
Vögel sparen sich dabei das einleitende „Haaaa…“, da kommt aus heiterem Himmel ein ehrfurchtgebietendes „TSssiiii!“, bei dem ich immer Angst habe, das ganze Vögelchen platzt.
Sherlock scheint das irgendwie als respektlosen Kommentar einzustufen, abends hört man aus der Küche folgenden Dialog:
„Tssssiii!“
„Drrrrrrt!“



„Tssssiii!“
„Drrrrrrt!“

Clickertraining bei Sittichen

Zu meiner Schande muß ich gestehen, ich dachte ursprünglich, daß man so kleinen Vögelchen kaum was beibringen kann und man für Tricks aller Art schon mal „mindestens“ einen Papagei braucht, wo der Prozessor etwas leistungsfähiger ist.
Nachdem meine Reitlehrerin mir von dem Clickerhühnchen Berta erzählt hatte, habe ich mir ein schlaues Buch geholt und war erstaunt, was alles geht.
Man muß halt alles passend zum Naturell des Tieres machen, je nachdem, wo das Tierchen in der Nahrungskette steht, reagiert es unterschiedlich. Ob Pferd, Hund oder Vogel, die natürlichen Verhaltensweisen, die das Tier anbietet und auf denen man aufbaut, sind verschieden.
Der Trick beim Clickern ist das Target (=Ziel). Ihr habt vielleicht schonmal Seehunde gesehen, die so einen Stock mit Ball dran anstupsen. Das ist das selbe Prinzip. Als erstes soll das Tier lernen, das Target anzustupsen, danach kann man sich damit „verständigen“, daß man das Target da hinhält, wo man das liebe Tierchen haben will.
Bei uns ist das Target eine gerupfte Interdentalzahnbürste – Schaschlikspieß mit Perle drauf wäre mir bei Shelock zu riskant.

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Jetzt kommen wir zu den bauartbedingten Unterschieden in der Reaktion: ein Hund würde am (entsprechend in der Größe angepaßten) Target schnuppern, ein Pferd würde es evtl. aus Neugier anstupsen und beschnüffeln, und ein Vogel…

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… fragt stattdessen: „Hast Du Körnchen?“

Die sind ja nicht doof.
Körnchen gab es bisher immer vom Finger, was soll man also mit dem komischen roten Ding anfangen?
Deshalb haben wir als nächstes das heißbegehrte Sonnenblumenkörnchen unter das rote Ende vom Target gelegt, damit sie das Ding per Schnabel wegräumen mußten.
Die Sache war schnell begriffen: rotes Ding beschnäbeln, und es gibt Körnchen.

Die sind da wie die Haie und die Technik kommt manchmal nicht hinterher.

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Ein sehr zufriedener Beutegeier:

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Nach einer Weile „sitzt“ das mit dem roten Ding, und man läßt sie erst reinzwicken und liefert danach das Körnchen ab.

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Ab dann muß man „nur“ noch überlegen, was man als nächstes üben will, wie man das in Einzelschritte zerlegt und -nach dem ersten Probelauf- seine eigenen schlauen Ideen an die Praxis mit Vogel anpassen. Da der Vogel an das Target rankommen will, sind so Sachen wir auf die Schulter laufen/fliegen, dem Target hinterherflitzen oder auf die Hand kommen dem Vogel leicht zu erkären.
Der Geier weiß (hihi, weiß der Geier…) was man von ihm will, ob er es auch macht, entscheidet er selber.
Das finde ich beim Clickern sehr angenehm, es ist absolut kein Druck da.
Wenn der Vogel ein skeptisches „ich weiß nicht“-Gesicht macht, geht man eben mit dem Schwierigkeitsgrad einen Schritt zurück.
Wie man sieht, hat Lilly einen Heidenspaß dabei:

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Ich denke, sie nutzt es auch schamlos aus, daß sie durch uns die Rangordnung unterlaufen kann – wenn Sherlock noch „ich weiß nicht“ denkt, kommt der kleine, gelbe Hai angeschossen und schnappt sich das Körnchen.

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Dem Target nachflitzen

Jetzt hätte ich ja beinahe die Sache mit dem Clicker vergessen.
Auf dem Bild seht ihr, daß der herzallerliebste Schatz noch einen Kugelschreiber in der Hand hält (das größte Rätsel beim Clickern ist, was man wie wann in der Hand unterbringen muß). Wenn der Vogel das Körnchen erbeutet hat, klickt man einmal. Der Vogel verbindet das Klicken mit dem leckeren Körnchen.
Im Moment ist das noch nicht so wichtig, aber wollte man jetzt etwas komplizierteres üben, nehmen wir mal an, der Vogel soll das Füßchen heben, dann muß man punktgenau sagen können „diese Bewegung war körnchenwürdig, Körnchen kommt gleich“. Ist das Füßchen nur minimal in der Luft, gibt es einen Klick und der Vogel weiß, aha, Füßchen soll gehoben werden, danach Körnchen.
Würde man ohne Klick einfach nur danach ein Körnchen abliefern, wüßte das Tier ja nicht, WAS es jetzt von allen gemachten Aktionen (Fuß heben, Fuß absetzen, Popowackeln, zum Körnchen laufen) richtig gemacht hatte.

Lilly hat mal wieder alles richtig gemacht:

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Feierabendkörnchen

Den Sittich, den ich rief…

…den werd ich nicht mehr los.
So ähnlich geht es dem herzallerliebsten Schatz momentan.
War der Lillyvogel am Anfang höchst zufrieden damit, die Fluchtdistanz nach eigenem Ermessen bestimmen zu können (mit ihrem zu kleinen Käfig kam ja Freund & Feind zu dicht an sie ran), hat sich das inzwischen dank Sonnenblumenkernen deutlich geändert.
Es begann mit wiederholtem Körnchendiebstahl aus meiner Müslischüssel, dann bekam sie die Körnchen auf der Fingerspitze hingehalten, als das klappte, fing der herzallerliebste Schatz an, das Körnchen immer weiter oben auf seinem Arm zu deponieren, bis Lilly auf seiner Schulter saß.
Je nach Laune wird das Körnchen als Takeaway mit in den Käfig genommen oder -meistens, wenn man gerade Holz nachlegen müßte oder aus anderen Gründen keinen Geier auf der Schulter braucht- sie setzt sich höchst ordentlich hin; balanciert auf einem Füßchen und hält in dem anderen den Kern, von dem sie mindestens fünfmal abbeißt. Das dauert…
Ein typischer Morgen sieht so aus, daß der herzallerliebste Schatz sich hinsetzt, die Zeitung aufblättert und dann kommt ein gelber Vogel quer über den Tisch gehopst, trippelt seinen Arm hoch, positioniert sich auf der Schulter mit großen Kulleraugen und „ich bin süß!“ auf dem Display.
Glaubt jetzt nicht, mit einem Körnchen wäre das erledigt – an manchen Tagen ist sie wie Pattex, kaum wurde sie per Bestechung auf meine Hand gelotst, hopst sie runter, zischt wieder seinen Arm hoch – „bin immer noch süß!“.
Wie soll man den Vogel jetzt höflich loswerden? Außerdem kann sie auch nicht Unmengen Sonnenblumenkerne essen.
Da sie jetzt definitiv nicht mehr schüchtern ist, will ich es nochmal mit Clickern versuchen. Der „echte“ Clicker hat den Vögeln Angst gemacht, meine Reitlehrerin, die fast alles clickert, was sich bewegt, hat empfohlen, für so kleine Tierchen einfach einen Kugelschreiber zu nehmen.
Davon ist genug im Haus, fehlt noch ein Zauberstab, genannt „Target“ (=Ziel), an den sich das Tier gewöhnen soll, damit man ihm z.B. zeigen kann, wo es sich hinsetzen oder wo es entlanglaufen soll.
Für Sittiche ist mir ein Stöckchen überdimensioniert, aber im Bad vegetierte noch so eine ungenutzte Dentalzwischenraumtannenbäumchenzahnbürste herum, mit wunderbar rotem Kopfstück.
Das Tannenbäumchen mit Drahtkern wurde wegen Verletzungsgefahr per Zange gerodet und voila – es ist perfekt.
Lilly machte allerdings ihr „das ist kein Körnchen!“-Gesicht, als ich ihr das Ding zum Besichtigen und Beschnäbeln hinhielt (unsere Sittiche sind recht selektiv mit ihrer Neugier – alles, was man nicht essen oder zerlegen kann, ist laaaangweilig), deshalb werden momentan die Körnchen mit der Zahnbürste serviert.
Mal sehen, wann sie kapiert hat, daß es Futter gibt, wenn man dem Ding hinterherzischt.
Noch schwieriger ist beim Clickern, das WIR diszipliniert und konsequent sein müssen – ich bin gespannt.

Stimme aus dem Hintergrund

Gestern war kreative Resteküche angesagt: Schinkenwürfel und TK-Blumenkohl sollten gratinmäßig kombiniert werden, damit die Sache auch satt macht, rührte ich noch diverse Kühlschrankfunde zusammen, die ordentlich Fett, Eiweiß oder Geschmack lieferten, darin sollten die Röschen eingebettet werden.
Noch war ich von meiner eigenen Erfindung nicht sehr überzeugt: „Ich hoffe, das schmeckt – bis jetzt sieht es ziemlich obskur aus!“
„Ja“, bestätigt Sherlock wohlgelaunt.
„Vogel – in manchen Situationen wäre etwas weniger Ehrlichkeit wünschenswert!“
(Geschmeckt hat´s dann doch sehr gut)

Der Wurstdetektor

Daß den Geierlein Sekundenbruchteile genügen, um zu sehen, was man in der Hand verstecken will, haben wir inzwischen hinreichend demonstriert bekommen.
Anscheinend haben Sittiche aber auch einen Röntgenblick.
Da der herzallerliebste Schatz zwar alle möglichen und unmöglichen Weisheiten in seinem geräumigen Kopf gespeichert hat, an der Mülltrennung aber regelmäßig scheitert, mußte ich letztens ein Blatt Küchenkrepp und eine Wurstpelle aus der Kompostschüssel rausfischen.
Wenn möglich, wird Küchenkrepp bei uns nach Gebrauch nochmal zwischengelagert, zwecks Klecksbeseitigung bei Vogelausflügen.
Beim Frühstücksrundflug lagen also zwei Knäuel neben der Spüle, eins war mit Putzmittel „vorbehandelt“, im anderen war die Wurstpelle verborgen.
Ratet mal, wofür sich Sherlock auf Anhieb entschieden hat…
Ziegensittiche haben mehrere Gangarten, bei Scharr- und Sortierarbeiten gehen sie Schritt für Schritt, ab einer gewissen Geschwindigkeit fangen sie an zu hüpfen.
Wer sich schonmal über eine im Garten hüpfende Amsel amüsiert hat – das hier ist dasselbe in Grün (bzw. Gelb), nur noch mit Ton, weil man die Füßchen auf dem Untergrund hört.
Sherlock hopste also samt wehendem Wurstzipfel mit wildem goinggoinggoing die Arbeitsplatte entlang, der herzallerliebste Schatz nahm (ohne goinggoinggoing) die Verfolgung auf, um den Wurstzipfel zurückzuerobern, wobei das je nach Fettgehalt des Beutegutes in ein ziemliches Tauziehen ausarten kann.
Insgesamt ein gelungener Start in den Tag, wir hatten was zu lachen und der Vogel hat nicht am Putzmittel geschnäbelt (Lilly hatte mal die Schmierseifenflasche bezüngelt und war davon nicht überzeugt).